Moderne Tischler begreifen den PC als Werkzeug

Die Digitalisierung krempelt das holzverarbeitende Gewerbe unaufhaltsam um. Und jetzt stehen die Betriebsinhaber vor der Frage, was diese Entwicklung für sie konkret bedeutet. In dem klassischen Handwerksgewerbe fühlen sich viele Tischler oft stärker gefordert als Vertreter anderer Branchen – und hadern mit dem Einsatz digitaler Methoden in einem traditionellen Umfeld. Die Antwort auf das Identifikationsdilemma liefert eine neue Perspektive: Idealerweise begreift der Tischler der Zukunft den PC als weiteres Werkzeug, das seinen Platz neben der Handsäge findet – und nicht als Konkurrenz.

Wer den Computer als weiteres, neues Werkzeug neben Handsäge und Winkelmesser akzeptiert, bewahrt sich beides: Wirtschaftlichkeit und Würde. Sebastian Bächer

Im Zeitalter der Digitalisierung sind strukturelle Umgestaltungen in Unternehmen an der Tagesordnung, und so sieht auch das Berufsbild des Tischlers großen Veränderungen entgegen. Noch zeigt sich das holzverarbeitende Gewerbe etwas schwerfällig im Umgang mit der digitalen Transformation, denn zugegebenermaßen hat sich der klassische Tischler bei der Berufswahl eigentlich nicht im Büro vor einem Computer gesehen. Um aber wettbewerbsfähig zu bleiben, reichen reine Handarbeitswerkzeuge künftig kaum noch aus. Die Kundenanforderungen wachsen in Sachen Fertigungstempo, Preis und Qualität. Für den Tischler heißt dies, dass er sein Geschäftsmodell verändern muss.

Um den Druck durch zentralisierte Produktionsstätten abzufedern, integrieren viele Betriebe deshalb unter anderem neue Anwendungen in ihre Geschäftsmodelle oder binden Systeme anderer Anbieter an. Dazu gehört etwa das Betreiben oder Mitnutzen von Online-Konfiguratoren für einfach zu beschreibende Möbel.

Die modernisierten Geschäftsmodelle erfordern auch neue, digitale Schnittstellen zur Kundenkommunikation: Social-Media-Kanäle, interaktive Web-Auftritte oder Livechats gehören schon heute für viele Betriebe zum Alltag.

Vor allem wird aber der Betrieb zunehmend digital unterstützte Methoden für die Fertigung einsetzen. Tischlereien rüsten ihre herkömmlichen Werkstätten also mit modernen Produktionsmitteln wie CNC-, Laser- oder 3D-Druck-Maschinen auf. Dabei wird auch das Investieren in gewerkfremde Software-Produkte notwendig. Allerdings: Obwohl die industrielle Fertigung bereits heute komplett automatisiert abläuft, wird das traditionelle Handwerk bei der Möbelherstellung auch in Zukunft weiterhin eine Hauptrolle spielen.

Kein Angriff auf die Würde

Die meisten Tischlereien sehen sich als ursprüngliche Handwerksbetriebe, identifizieren sich über die Arbeit mit dem organischen Werkstoff und empfinden das Eindringen der digitalen Produktionstechniken als Angriff auf den Ethos eines althergebrachten Gewerbes. Eine Verschiebung der Perspektive kann hier die Blockade auflösen: Wer den Computer als weiteres, neues Werkzeug neben Handsäge und Winkelmesser akzeptiert, bewahrt sich beides: Wirtschaftlichkeit und Würde.

Der Einsatz automatisierter Fertigungsprozesse wiederum birgt auch enorme neue Herausforderungen. Zur Prozesskette gehört jetzt nicht nur das CAD-gestützte Arbeiten. Auch die Automatisierung vom Customer Relation Management oder das Aufzeichnen vom Maschinenstatus oder der möglichen freien Ressourcen und die daraus erfolgten Datenanalysen müssen jetzt vom Betrieb verwaltet werden.

Wo landen die Daten?

Wer jetzt nicht mehr nur am, sondern auch mit dem PC als echtes Werkzeug arbeitet, die digitale Transformation akzeptiert hat und mit ihr lebt, steht vor der nächsten Frage: Was passiert mit den sensiblen betrieblichen Daten?

Im Rahmen der digitalen Produktion ist der Verbleib der gewonnenen Betriebsdaten oft ungeklärt, und so entsteht Verunsicherung. Viele Unternehmen fürchten jetzt den gläsernen Betrieb und sorgen sich um ihre informationelle Selbstbestimmung. Im Idealfall sind die Datenstrukturen produktionstechnisch so vernetzt, dass sich zum einen die Parameter in der Fertigung und zum anderen die Sicherheit und Verschlüsselung der Produktdaten digital kontrollieren lassen – und zwar entweder innerhalb des eigenen Betriebs oder in einer digitalen Infrastruktur, die von Kammern oder Verbänden bereitgestellt wird.

Die Branche braucht eine belastbare Infrastruktur

Da die meisten Betriebsinhaber keine IT-Spezialisten sind, braucht es standardisierte, modular aufgebaute Software-Architekturen, die auf die Branche zugeschnitten sind und sich vergleichsweise leicht implementieren lassen. Auch dürfte die Hoheit über die Betriebsdaten nicht komplett von privaten Unternehmen gesteuert werden. Die Digitalisierung ist zwar sowohl notwendiges Mittel, im Wettbewerb weiter zu bestehen. Aber gleichzeitig ist sie auch eine einmalige Chance: Bevor die neuen Strukturen zum Mainstream geworden sind, gibt es heute noch Gelegenheit dazu, die Entwicklung mitzugestalten.

Daher sind jetzt Kammern, Berufsverbände und Bundesministerien in der Pflicht, eine belastbare Infrastruktur, standardisierte Branchen-Anwendungen sowie offene Software-Architekturen flächendeckend und unabhängig von privaten Konzernen bestenfalls schlüsselfertig anwendbar zu machen und gleichzeitig die Selbstbestimmung über betriebliche Daten zu gewährleisten.

Über den Autor

Sebastian Bächer leitet gemeinsam mit Georg Bergmann die Tischlerei Bächer Bergmann GmbH in Köln. Der Betrieb ist ein Early Adopter, hat früh in die digitale Produktion investiert und bedient heute erfolgreich die Schnittstelle zwischen Design und Fertigung. Dabei legen die Tischler nicht nur Wert auf die Förderung des Open-Source-Gedankens, sondern auch auf eine nachhaltige Arbeitsweise. 2018 wurde die Tischlerei mit dem europäischen WATIFY-Award für erfolgreiche Geschäftsumgestaltung durch digitale Technologien ausgezeichnet.

Sebastian Bächer kennt die Herausforderungen von Tischlerbetrieben bei der digitalen TransformationSebastian Bächer ist als Privatdozent im Hochschulwesen tätig, Vorstand der Tischlerinnung Köln und außerdem Mitbegründer des ersten FabLabs Deutschlands. Überdies ist er Mitinitiator der Initiative DigiTS, einem Projekt, das Digitalisierung in der Tischlerausbildung verankern will.

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